StartEventberichteKritis: Ist das Gesundheitswesen für Krisen gewappnet?

Kritis: Ist das Gesundheitswesen für Krisen gewappnet?

(März 2026) Angesichts wachsender Risiken durch Cyberangriffe, Blackouts und militärische Bedrohungsszenarien forderten führende Vertreter aus Politik, Bundeswehr, Wissenschaft und Gesundheitswesen eine grundlegende Stärkung der Krisenfestigkeit des deutschen Gesundheitssystems. Auf der Fachtagung KRITIS stand am 5. März 2026 die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle Krankenhäuser und Versorgungsstrukturen in der Gesamtverteidigung künftig übernehmen müssen.

Grundlage staatlicher Handlungsfähigkeit

Eine funktionierende Gesundheitsversorgung sei Voraussetzung für staatliche Handlungsfähigkeit, sagte Dr. Iris Hauth, Vorsitzende von Gesundheitsstadt Berlin e.V. „Eine verlässliche medizinische Versorgung ist unverzichtbar für staatliche Handlungsfähigkeit und Teil der gesamtstaatlichen Verteidigung. Dafür brauchen wir klare Zuständigkeiten, eine verlässliche Finanzierung und eine verbindliche Vernetzung zwischen ziviler Versorgung und militärischem Sanitätsdienst.

Föderale Zuständigkeiten und Krisenvorsorge

Dass Deutschland auf großflächige Krisen nur unzureichend vorbereitet ist, wird auch politisch eingeräumt. Berlins Gesundheitssenatorin Dr. Ina Czyborra betonte: „Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem ist elementarer Bestandteil der zivilen Verteidigung und damit der nationalen Sicherheit. Die Corona-Pandemie, Cyberangriffe und die Anschläge auf das Berliner Stromnetz haben uns vor Augen geführt, wie verletzlich gerade hochentwickelte Versorgungssysteme sein können. Krankenhäuser sind Teil der kritischen Infrastruktur und tragen eine besondere Verantwortung. Sie müssen nicht nur die Regelversorgung gewährleisten, sondern auch in Krisen und bei großen Schadensereignissen handlungsfähig bleiben. Deshalb arbeiten wir in Berlin seit Jahren eng mit den Berliner Krankenhäusern zusammen, um Vorsorge zu treffen.“ Sie empfahl zudem, die Transparenz von Google Maps zu überdenken, andere Länder teilten etwa die Standorte von Kliniken nicht, um sie zu schützen.

Zusammenarbeit für den Ernstfall

Aus Sicht der Bundeswehr hängt die Einsatzfähigkeit im Ernstfall maßgeblich von einer engen Zusammenarbeit mit dem zivilen Gesundheitswesen ab. Generalstabsarzt Dr. Almut Nolte erklärt: „Resilient sein, heißt handlungsfähig bleiben. Im Verteidigungsfall ist medizinische Versorgung eine gesamtstaatliche Aufgabe und nur in enger zivil-militärischer Zusammenarbeit zu leisten. Dafür sind verbindliche Strukturen, ein gesamtstaatliches Gesundheitslagebild und gemeinsame Übungen unverzichtbar. Gemeinsam mit zivilen Akteuren und Ressorts entwickelt die Bundeswehr Lösungsstrategien für Krise und Krieg, seien es Großschadenslagen, Blackout-Szenarien, hybride oder CRBN-Bedrohungen.“ Im Frieden für den Ernstfall vorzusorgen: das ist ein wichtiges Ziel von Nolte.

Krankenhäuser im Zentrum der Krisenvorsorge

Krankenhäuser selbst sehen sich im Zentrum der Versorgungssicherheit. Reinhard Nieper, Vorsitzender Geschäftsführer der BG Kliniken – Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung gGmbH, fordert belastbare Netzwerke zwischen zivilen Kliniken und militärischem Sanitätsdienst: „Gerade Krankenhäuser stehen im Mittelpunkt einer funktionierenden Gesellschaft: Wir versorgen täglich Menschen in Not, sind erste Anlaufstelle bei Großschadenslagen und tragen im Krisenfall entscheidend zur Versorgungssicherheit bei. Um sich für einen Bündnisfall zu wappnen, brauchen wir im Gesundheitswesen tragfähige Netzwerke und resiliente Versorgungsstrukturen zwischen zivilen Kliniken und militärischem Sanitätsdienst – und dafür die passenden Rahmenbedingungen und Mittel.

Integrierte nationale Health-Security-Strategie jetzt

Unser Gesundheitssystem ist strukturell geschwächt und nur unzureichend krisenfest“, mahnt Prof. Dr. Leif Erik Sander, Sprecher der AG „Health Security“, ehemals Expertenrat „Gesundheit und Resilienz“, Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Eine ausgeprägte Fragmentierung mit föderal zersplitterten Zuständigkeiten, starren sektoralen Trennungen und komplexen Selbstverwaltungsstrukturen begrenzt die Steuerungsfähigkeit im Ernstfall erheblich. Strukturelle Reibungsverluste bestehen bereits im Regelbetrieb und werden in Krisen zum Risiko. Es fehlen zentrale Koordinationsmechanismen, die verfügbaren Reservekapazitäten sind begrenzt, und die Infrastruktur ist vielfach veraltet. Gesundheitssicherheit ist eine gesamtstaatliche Kernaufgabe. Deutschland braucht jetzt eine integrierte nationale Health-Security-Strategie mit klaren Zuständigkeiten und verbindlicher Gesamtsteuerung, um drohende Krisen zu meistern“, sagt Sander.

Zentraler Baustein der nationalen Sicherheitsarchitektur

Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, sagte: „Die pharmazeutische Industrie ist nicht nur eine Krisenfolgenbewältigerin – sie ist eine Krisenpräventorin. Ihre Forschung, ihre Produktion und ihre Lieferfähigkeit bilden ein strategisches Rückgrat, das mit der Energie- oder Lebensmittelsicherheit vergleichbar ist.“ Sie forderte eine Beschaffungspolitik, die strategische Kriterien stärker gewichtet als kurzfristige Preiseffekte, eine Innovationsförderung, die europäische Produktion belohnt, sowie die politische Anerkennung der pharmazeutischen Industrie als sicherheitsrelevante Infrastruktur.

Die ausgebuchte Fachtagung am BG Unfallklinikum Berlin sorgte zum dritten Mal für den wichtigen Austausch vieler beteiligter Akteure, damit das deutsche Gesundheitswesen für Krisenfälle besser gewappnet ist. Es braucht auf jeden Fall schnelle und einfache Lösungen, die weniger büroratisch umgesetzt werden, mutige Entscheidungen und vermehrte Zusammenarbeit. Eine begleitende Industrieausstellung zeigte neben innovativen und nachhaltigen Lösungen auch, welche Strategien die Hersteller nutzen, etwa in Bezug auf Lieferketten, um unabhängiger vom Weltmarkt zu werden.

Quelle: Gesundheitsstadt Berlin und Mirjam Bauer

 

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