Buchrezension von Manfred Kindler

Der Rezensent möchte sich diesmal bei seiner Lektürewahl nicht auf den gesundheitstechnologischen Sektor kaprizieren, sondern ein allgemein horizonterweiterndes Buch vorstellen, welches dem Leser einen neuen Blick auf die Mitmenschen im Umfeld und in der Politik vermitteln könnte. Denn schließlich ereignet sich auch das Berufsleben von Technologen nicht im sozialfreien Raum und darüber hinaus gibt es Bücher, die ebenso gelesen wie „gespürt“ werden sollten. Dr. Devon Price’ Publikation „Versteckter Autismus entmaskiert“ gehört in diese Kategorie. Der amerikanische Sozialpsychologe, selbst autistisch und transgender, führt seine Leserschaft in ein Terrain, das für viele unsichtbar bleibt: die Praxis des Maskings. Gemeint ist das bewusste Verbergen autistischer Züge, um den Erwartungen einer neurotypischen Umwelt zu genügen.
Price beschreibt diese Strategie nicht als taktisches Spiel, sondern als existenzielle Notwendigkeit – und als psychischen Tribut. Wer sich jahrzehntelang in angepasster Mimik und sozialem Smalltalk übt, zahlt häufig mit Erschöpfung, Depression oder einem diffusen Verlust des eigenen Selbst. Die Diagnose, wenn sie denn kommt, erreicht viele erst im Erwachsenenalter – so auch den Autor.
Das Buch oszilliert zwischen autobiografischer Erzählung, sozialwissenschaftlicher Analyse und einem fast handwerklichen Ratgeber. Price gelingt es, persönliche Erfahrungen mit Fallgeschichten und Forschungsergebnissen zu verweben, ohne den Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben. Besonders eindringlich sind jene Passagen, in denen er Autismus nicht als Defizit, sondern als Quelle von Einzigartigkeit beschreibt – als Teil einer menschlichen Vielfalt, die zu würdigen er ein leidenschaftliches Plädoyer hält.
Dem Appell zur „Entmaskierung“ verleiht Price praktische Substanz: Übungen, die dazu anregen, eigene Spezialinteressen zu feiern, stereotype Zuschreibungen zu hinterfragen, authentische Beziehungen zu pflegen und verschüttete Werte neu zu entdecken. Die Vorschläge sind alltagstauglich, zugleich aber mehr als bloße Selbstoptimierung – sie zielen auf eine tiefere Selbstakzeptanz.
Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Manche Kritiker monieren, das Buch habe vor allem Autisten mit geringem Unterstützungsbedarf im Blick. Die Lebenswirklichkeiten von Menschen mit größerem Hilfebedarf blieben weitgehend außen vor. Auch die wissenschaftliche Fundierung wird nicht unisono gelobt; Price’ Argumentation speist sich oft stärker aus gelebten Erfahrungen als aus empirisch belastbaren Studien.
Des Weiteren könnten sich Leser an einem „diversen Tonfall“ stören, der streckenweise aktivistisch und von Themen wie Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und LGBTQ+-Identität geprägt ist. Ein Beispiel findet sich in der deutschen Übersetzung mit Wortschöpfungen wie „sier“, „siese“ und „dier“. Gemeint ist die Verbindung von „sie“ und „er“.
Und doch: Dieses Buch hat das Potenzial, etwas in Bewegung zu setzen. (Die WHO geht von etwa 1% autistischer Menschen aus, davon in Deutschland mindestens eine Million – bei einer hohen Dunkelziffer.) Es holt ein unsichtbares Thema ins Rampenlicht, vor allem auch bei Führungspersönlichkeiten, und fordert dazu auf, Neurodiversität nicht nur zu tolerieren, sondern als gesellschaftliche Bereicherung zu begreifen. Price zeigt, dass ein Leben ohne Maske nicht nur für Autisten ein Gewinn ist – sondern für alle, die den Mut haben, ihre Eigenheiten nicht länger zu verbergen.
Dr. Devon Price
Versteckter Autismus entmaskiert
Yes Publishing 2025
336 Seiten


