Buchrezension von Manfred Kindler

Etwa 270.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall. Im Laufe des Jahres 2021 sind etwa 440.000 Menschen neu an einer Demenz erkrankt. Die meisten Angehörigen sind im Pflegefall mit der Fülle an Aufgaben erst einmal überfordert, zumal die gesetzlichen Regelungen zur Pflege unübersichtlich und für Laien schwer verständlich sind. Hinzu kommt nach der Erfahrung von Jutta Windeck, der Vorsorgebeauftragten der Caritas Berlin, ein generelles Tabu: „Häufig sprechen weder Kinder noch Eltern offen an, was sie sich in Bezug auf Pflege wünschen und voneinander erwarten.“
Tabuthema Pflege
Vorher hatten sich die Betroffenen auf drei Pflegestufen eingestellt, nun wurden fünf Pflegegrade eingeführt. Entscheidend für die Einstufung in einen Pflegegrad ist der Grad der Selbstständigkeit. Dabei soll der ganze Mensch betrachtet werden und auch geistige Einschränkungen sind zu berücksichtigen. Wie sollte man sich also auf ein Gespräch zur Ermittlung des Pflegegrades vorbereiten? 64 Prüfpunkte bestimmen den Pflegegrad, zwei formale Kriterien müssen erfüllt werden. – Und wie kann man gegen einen Bescheid Widerspruch einlegen oder sogar vor Gericht klagen?
Das Internet stellt zwar wie immer eine unüberschaubare Fülle an Informationen und Ratgebern zur Verfügung. Aber ist dort die aktuelle Gesetzeslage berücksichtigt? Welche Erfahrungen lassen sich auf den eigenen Fall übertragen? Kann man allen Hilfen vertrauen oder stecken kommerzielle Interessen dahinter? Was bedeuten die vielen Fachbegriffe und Abkürzungen?
Kompakte Antworten auf drängende Fragen
Zeit für aufwändige Recherchen steht nicht zur Verfügung, eine schnelle Hilfe mit überschaubaren und vor allem praxisnahen Handlungsanleitungen tut daher not. Da passt es gut, dass die Stiftung Warentest ihren Ratgeber „Das Pflege-Set“ gerade mit der dritten Auflage aktualisiert hat. Der Leitfaden gibt mit seiner Gliederung kompakte Antworten auf die drängenden Fragen: Können wir die Pflege zu Hause stemmen? Wie muss ich unsere Wohnung anpassen? Welche Alternativen zur häuslichen Pflege gibt es? Ist ein Pflegedienst, ein Pflegeheim oder eine Pflege-WG die richtige Wahl? Wie finde ich einen geeigneten Anbieter? Wie beantrage ich einen Pflegegrad und welche finanziellen Hilfen gibt es? Wer kann mir bei der Pflege helfen, vor allem, wenn es zu Hause nicht mehr geht?
Checklisten und Musterformulare
Der Leitfaden bietet auch weitere konkrete Lebenshilfen: Mehrere Checklisten erleichtern die Entscheidungsfindung, so für die Erstellung eines Pflegeprotokolls, die Prüfung eines Pflegevertrages oder die Suche nach einem Pflegeheim. Den Abschluss bilden Antragsformulare zum Heraustrennen und Herunterladen für Leistungen der Pflegeversicherung, für die Einstufung in einen höheren Pflegegrad oder für Zuschüsse zur Wohnraumanpassung. Sogar ein Musterformular für einen Widerspruch gegen den Einstufungsbescheid steht bereit. Als besonders hilfreich für Ärzte und Pflegekräfte ist die sechsseitige Patientenverfügung anzusehen.
Die Redakteurin und Volljuristin Eugénie Zobel hat mit ihrem Team ein praxisgerechtes Kompendium vorgelegt und rechtzeitig zu den Änderungen der aktuellen Pflegereform viele hilfreiche Tipps angeführt. Die klare Gliederung, ein Glossar und Register erlauben ein schnelles Zurechtfinden. Fazit: Der Ratgeber der Stiftung Warentest vermittelt nicht nur eine rasche Hilfe, wenn es darauf ankommt, sondern leistet auch wertvolle Hilfsdienste bei der Vorbereitung auf einen schleichenden Pflegebedarf.
Man darf nur hoffen, dass diese dritte aktualisierte Auflage nicht schon bald wieder veraltet sein wird. Denn die Intervalle werden kürzer: Zwischen der 1. Auflage im Oktober 2019 lagen noch 32 Monate bis zur 2. Auflage im Juni 2022. Die aktuelle Überarbeitung war schon nach 19 Monaten notwendig. Die neue Pflegereform verspricht bessere Leistungen, begrenzt finanzielle Belastungen, bringt eine automatische regelhafte Dynamisierung der Geld- und Sachleistungen sowie Erleichterungen für das „Entlastungsbudget“ – Veränderungen also, die Betroffene handhaben müssen. – Wird sich eine künftige Auflage des „Pflege-Sets“ angesichts der personellen Engpässe im Pflegebereich dann mit dem Einsatz von Pflegerobotern befassen müssen?
Das Pflege-Set
Herausgegeben von der Stiftung Warentest
3., aktualisierte Auflage 2024, 144 Seiten


