Buchrezension von Manfred Kindler

Die rapiden Fortschritte in der Digitalisierung erschaffen durch fast unbegrenzte Datensammlung und -auswertung ungeahnte Möglichkeiten in der Medizin. Der Oxforder Philosoph Luciano Floridi prägte den passenden Begriff „Infosphäre“: Die Grenzen zwischen online und offline lösen sich auf. Mikrosensorik, Internet of Things, Cloud Computing, Big Data, die Telemedizin und Durchbrüche in der Künstlichen Intelligenz ermöglichen eine umfassende Kontrolle und Beeinflussung von Körperzuständen und -entwicklungen im bislang unerhörten Maße. Der Mensch wird in eine digitale Umwelt übersetzt und erschafft sich seinen digitalen Zwilling. Neben allen Vorteilen aber bedarf es auch geeigneter Strategien zur Vermeidung von Risiken und Nebenwirkungen. Dringend geboten scheint ein angemessener und vertrauensbildender Umgang mit Daten und algorithmischen Systemen.
Bestandsaufnahme der digitalen Transformation
„Zur erfolgreichen Gestaltung der digitalen Transformation braucht die Praxis mehr Wissenschaft und die Wissenschaft mehr Praxis“, fordert Prof. Dr. Jan Ehlers, Vizepräsident der Universität Witten/Herdecke. Sein Team im Institute for Digital Transformation in Healthcare (idigiT) hatte 2021 insgesamt 51 Jahresberichte von 30 DAX-Unternehmen auf die Umsetzung einer digitalen Ethik untersucht. Darauf basierend erschien im April 2023 in der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft unter den Herausgebern André T. Nemat und Sarah J. Becker ein umfangreicher Praxisleitfaden zur Gestaltung der digitalen Ethik in Unternehmen des Gesundheitswesens.
Das dreiteilige Buch startet mit einer Bestandsaufnahme der digitalen Transformation: Exponentielle Steigerungen der Rechenleistung, Daten und Algorithmen werden sich durch neuartige Technologien wie Deep Learning, dreidimensionale Chips und Quantencomputer fortsetzen. Beispiele wie die Mustererkennung von Texten, Bildern und Sprache, die entscheidungsunterstützenden Clinical Decision Support Systems (CDSS) und die Big-Data-Erfassung von Real World Data verdeutlichen die kommenden Herausforderungen. Insbesondere die Angebote im zweiten Gesundheitsmarkt wie DiGA und das dortige Auftreten der privaten Konzerne wie Google, Apple, Facebook/Meta, Amazon und Microsoft werden das historisch gewachsene Versorgungsdreieck aus Patienten, Ärzten und Krankenversicherungen massiv unter Druck setzen. Die digitalen Geschäftsmodelle leben vom Datenhandel und produzieren des Öfteren negative Schlagzeilen wie den Skandal um Cambridge Analytics oder die Meldungen über riesige Datenlecks bei Gesundheitsdaten.
Corporate Digital Responsibility
Im Weiteren betrachten die Autoren internationale Bemühungen zur Regulierung der digitalen Transformation. Allein sechs EUGesetze versuchen die Auswüchse einzugrenzen, Beispiele aus China und den USA zeigen abweichende Bestrebungen auf. Angesichts des noch unbefriedigenden Zustands verweist das idigiT-Team auf seine Weiterentwicklung der bekannten „Corporate Social Responsibility“: In der technologietauglichen Variante heißt das Konzept „Corporate Digital Responsibility“. Der CDR-Kodex basiert auf neun Prinzipien: Gesellschaftliche Grundwerte, Menschenzentrierung, Nutzen schaffen, Schaden vermeiden, Autonomie, Fairness, Transparenz, Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit.
Umsetzung in der Praxis
Im zweiten Teil des Buches wird anhand von sechs Unternehmen die Umsetzung einer digitalen Ethik in die tägliche Praxis vorgestellt: Als Exempel dienen Barmer KV, Telekom, Grünenthal, ING DiBa, Merck und Otto. Ausgehend von den gemeinsamen Erfahrungen und Merkmalen beschreiben die Autoren die Herangehensweise mit Fragen wie Wann, Warum, Wer und Wie und führen weitere Beispiele an: Orange, Swisscom und SAP. So entsteht ein schon in Großbritannien praxiserprobtes Werkzeug namens Digital Ethics Risk Assessment (DERA) mit einem Verweis auf den weltweit ersten ethischen Prozessstandard IEEE 7000-2021 für einen risikobasierten Designprozess.
Zu guter Letzt stellt idigiT noch Indikatoren für die Messbarkeit digitaler Ethik vor, die von Outputs der Aktionen in den Bereichen Prinzipien, Governance, Operationalisierung, Unternehmenskultur und Kommunikation definiert werden können.
André T. Nemat, Sarah J. Becker (Hrsg.)
Digitale Ethik in Healthcare – Praxisleitfaden für Unternehmen
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2023


