Buchrezension von Manfred Kindler

Bei dieser Rezension geht es um gleich drei Bücher – eine Roman-Trilogie, die weitgehend in der Zukunft, im Jahre 2070 spielt und zunächst im Weltraum, dann aber etwas irdischer in den Städten Essen und Köln verortet ist. In der Fiktion begleiten wir die Ich-Erzählerin Dr. Alpha Novak und ihren Assistenten Kit, einen Affen mit Chip im Gehirn und einem Sprachmodul, durch die Welt der Kybernetik, wo sie rätselhafte Vorkommnisse aufklären. – Es geht also durchaus technisch, aber dem Zeitrahmen entsprechend auch recht futuristisch zu.
Eine turbulente futurologische Story
Im Auftakt-Roman „Vektor“ (erschienen 2016) kämpft Dr. Alpha Novak als Ärztin für invasive Kybernetik in der Ambulanz einer Mars-Raumstation mit einem hartnäckigen Computervirus, der zunehmend Hirnimplantate befällt. Nach einem Showdown finden sich Alpha und Kit im zweiten Buch „Transmission“ (erschienen 2020) dann in den Städtischen Kliniken Essen als medizinisches Personal im Schichtdienst wieder. In der dortigen Psychiatrie treffen sie auf einen Patienten mit einem manipulierten Hirnimplantat. Dieser Fall verlangt nach Klärung und bei ihren Recherchen in der dystopischen Cyberwelt des Ruhrgebiets geraten sie in die Fänge eines globalen Konzerns. Am Ende verliert Alpha bei einer Explosion ihr rechtes Bein, was sie nicht daran hindert, mit einer Billig-Prothese ausgestattet im dritten Band (2024) an der Seite ihres Begleiters die Arbeit in einer Poliklinik fortzusetzen. Doch plötzlich verschwindet Kit. Auf der Suche gelangt der Leser in eine Gemeinschaft von Outcasts und entdeckt mit Alpha die Ursachen aller bisherigen Phänomene in der Vergangenheit der 1990er-Jahre.
Eine turbulente futurologische Story also. Was aber hat Science- Fiction in einer Fachzeitschrift für Medizintechnik zu suchen, mag sich der geneigte – oder irritierte – Leser dennoch fragen. Nun, es sind vor allem zwei Gründe: Erstens gibt es einen starken Bezug der Geschichten zu Weiterentwicklungen von Medizinprodukten, hier in der integrativen Kybernetik.
Aber der zweite Aspekt ist fast gravierender: Die Autorin arbeitet als Medizinerin im Ruhrgebiet. Sie lässt uns hautnah am Praxisalltag einer Ärztin teilhaben, so im Ambulanzdienst, bei Krankenvisiten, einer Obduktion, bei der Suche nach einer Diagnose und bei der Entscheidungsfindung. Und noch etwas kommt hinzu: Jo Koren scheint auch einiges von IT zu verstehen. Neben der Programmierung von Herz- und Hirnschrittmachern gehören augenscheinlich auch Verfahren der Robotik und Künstlichen Intelligenz zu ihrem fachkundlichen Repertoire.
Überraschende Wendungen und ein grandioser Abschluss
Doch die Autorin hat nicht nur technologisch, sondern auch erzähltechnisch etwas zu bieten, denn die Stories der Buchreihe sind spannend, die Charaktere und deren Umfeld präzise beschrieben, sie greifen viele Zukunftsideen auf und leben von einem hintergründigen Humor. Überraschende Wendungen und vor allem der grandiose Abschluss verführten den Rezensenten dazu, die Bücher gleich zweimal zu lesen.
Schließlich erörtern die Romane ein Grundproblem unserer Tage: Es geht um die Stellung des Menschen in einer hochtechnisierten Welt. Die Verwendung von Hirnimplantaten als Mensch-Tier-Maschine- Schnittstelle (Elon Musk und Neuralink lassen grüßen!) etwa rührt direkt an philosophische Fragen: Wohin wird uns die technische Selbstoptimierung in der digitalen Leistungswelt führen? Wie verändert sie den Menschen? Und weiter gedacht in Bezug auf die Intelligenz-Ressourcen von Tieren: Wo fängt das Menschsein an und wo hört es auf? Was trennt uns vom Tier, wo verläuft die Grenze und was gibt uns das Recht, über die Tiere zu herrschen?
Nach all diesen tiefgehenden Fragen soll nun aber noch das Geheimnis um Jo Koren gelüftet werden: Bei dem Autorennamen handelt sich um das Pseudonym von Dr. med. Christina Czeschik, einer Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen und studierten Medizininformatikerin. Sie arbeitet als Ärztin im Gesundheitsamt Bochum und ist darüber hinaus als Mitorganisatorin des Zukunftskongresses „Leben und Arbeiten im Jahr 2030“ sowie als Partnerin des „Praxiszentrums Robotik in der Pflege“ im Bereich Informationssicherheit und Datenschutz aktiv. Nebenbei veröffentlichte sie in den letzten Jahren etliche Sachbücher und Dutzende von Fachartikeln über Aspekte der Digitalisierung. Den mt-Lesern ist sie als Autorin aus den Heften 5/2022, 3/2023 und 6/2023 bekannt.
Christina Czeschiks profunden Background spüren wir auch in ihren Romanen. Hier erweist sie sich als eine Expertin für das Spannungsfeld von Medizin und Technik, die es ebenso versteht, philosophische Themen in spannungsreiche, lesenswerte Science-Fiction zu kleiden.
Jo Koren
Vektor (2016), Transmission (2020), Rehabilitation (2024)
Verlag Lehmanns Media GmbH, Köln
www.jokoren.de


