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Dokumentationen über die Zeit der Pandemie

Buchrezension von Manfred Kindler

Titelbild David Klemperer unter Mitarbeit von Joseph Kuhn und Bernt-Peter Robra, Corona verstehen – evidenzbasiert SARS-CoV-2-Pandemie und Coronavirus-19-Erkrankung, Living eBook, Version 80.0, Stand 17.8.2025
David Klemperer: Corona verstehen – evidenzbasiert, Living eBook, Version 80.0, Stand 17.8.2025

Mit der 80. und voraussichtlich letzten Ausgabe geht das Living-Textbook „Corona verstehen – evidenzbasiert“ zu Ende. Damit schließt nicht nur ein Kapitel der Pandemiegeschichte, sondern auch ein beeindruckendes Buchprojekt, das selbst Geschichte geschrieben hat.

Was im August 2020 als ein zusätzliches Kapitel für ein Lehrbuch begann, ist über fünf Jahre zu einem monumentalen Werk mit über 400 Seiten und fast 1.000 Quellenangaben herangewachsen. In seiner Art, seinem Umfang und seiner interdisziplinären Tiefe ist es einzigartig.

Was dieses Buch ausmacht, ist nicht nur die schiere Masse an Material. Es ist vor allem sein unbeirrter Kompass in einer Zeit voller Unsicherheit und widersprüchlicher Daten: die wissenschaftliche Evidenz. Den Autoren David Klemperer, Joseph Kuhn und Bernt-Peter Robra ist es gelungen, aus einem anfangs improvisierten Projekt ein strukturiertes, tiefgründiges und dennoch verständliches Nachschlagewerk zu formen.

In dieser letzten Ausgabe wird der kritische Rückblick besonders spürbar. Die Autoren zeigen auf, wie die Pandemie, einem Brennglas vergleichbar, auf längst bekannte Schwachstellen im Gesundheitswesen wirkte: von schlecht ausgestatteten Gesundheitsämtern über die prekäre Situation in der Pflege bis hin zu brüchigen Lieferketten. Deutlich wird auch, wie soziale Ungleichheit den Verlauf der Pandemie mitbestimmte und welche tiefen Spuren die Folgen in Bildung, Arbeitsmarkt und privaten Finanzen hinterlassen haben.

Demokratische Haltung

Was das Buch so wertvoll macht, ist die gelungene Mischung aus analytischer Schärfe und persönlicher Reflexion. Die Autoren scheuen sich nicht, die Widersprüche der Krise zu benennen: Neben großer Hilfsbereitschaft standen politisches Kalkül, wirtschaftliche Ausbeutung der Lage und gezielte Desinformation. Eine weitere Stärke des Buches ist seine demokratische Haltung. Es erhebt keinen dogmatischen Anspruch, sondern lädt ein zum Diskurs, zum Umgang mit Unsicherheiten und unterschiedlichen Sichtweisen.

Zu Zeiten, in denen öffentliche Diskussionen oft emotional und faktenfern geführt wurden, bot dieses Living-Textbook einen verlässlichen Anker. Sein Ziel war nie, jede neue Studie sofort zu erfassen – das war irgendwann unmöglich –, sondern das Wesentliche zu erklären, einzuordnen und in den großen Zusammenhang zu stellen. Dass die Autoren das Projekt nun für beendet erklären, fühlt sich stimmig an: Die akute pandemische Lage ist vorüber, die Forschung auf einem soliden Stand und die gesellschaftliche Aufarbeitung hat begonnen.

„Corona verstehen – evidenzbasiert“ ist ein beeindruckendes Zeugnis wissenschaftlicher Leidenschaft und persönlicher Ausdauer. Es verbindet klinische, epidemiologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven zu einem umfassenden und reflektierten Gesamtbild. Für alle, die die Pandemie verstehen, aufarbeiten oder aus ihr lernen wollen, bleibt dieses Werk ein zentraler und dazu noch frei zugänglicher Referenzpunkt (Download auf Sozialmedizin).

Sprachlich auch für Laien

Mit einer siebenteiligen, als Books on Demand verfügbaren Dokumentation zur Corona- Pandemie hat Prof. Dr. Günter Kampf ebenfalls ein Werk vorgelegt, das in seiner Gründlichkeit überzeugt. Die Texte, die die Jahre 2020 bis 2024 abdecken und auf über 1000 Seiten angewachsen sind, bieten eine beachtliche Gesamtschau. Denn dem Autor, der als Professor für Hygiene und Umweltmedizin in Greifswald forscht, gelingt hier etwas Besonderes: Er verbindet wissenschaftliche Genauigkeit mit einer Sprache, die auch für Laien gut nachvollziehbar ist. Kampf nimmt behördliche Eingriffe wie 2G, Maskenpflicht oder die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht nicht nur akribisch unter die Lupe, sondern bewertet sie auch – stets transparent und mit dem festen Blick auf die vorhandenen Fakten. Seine Arbeit gibt damit all jenen eine solide Grundlage an die Hand, die sich abseits der politischen Tagesparolen ein eigenes, fundiertes Urteil bilden möchten.

In seinem 2023 erschienenen Buch „Corofluenza“ weitet Kampf den Blick noch einmal, indem er Covid-19-Erkrankungen in Bezug zu anderen pandemisch relevanten Atemwegsviren wie der Influenza setzt. Diese vergleichende Perspektive hilft, die Risiken durch SARS-CoV-2 differenzierter einzuschätzen. Gleichzeitig scheut er sich nicht, auch unbequeme Kritik zu äußern: Er thematisiert die gesellschaftliche Spaltung, die Stigmatisierung Ungeimpfter, politische Einflussnahme und strukturelle Verzerrungen in der Wissenschaft. Damit ordnet er sich ein in eine Reihe kritischer Stimmen aus seinem eigenen Fachgebiet, die früh vor solchen Tendenzen warnten.

Fundgrube für Forschung, Politik und Bürger

Letztlich ist Kampfs minutiöse Datensammlung mehr als eine reine Chronik. Sie ist ein wesentlicher Beitrag zur historischen Aufarbeitung der Pandemie und eine Fundgrube für die Forschung, für die Politik und für alle Bürger, die verstehen wollen, was in diesen entscheidenden Jahren wirklich passiert ist. (BoD – Pandemiemanagement auf dem Prüfstand: Nutzen und Risiken (2020), Wissenschaft ist frei (2021), 2G, Maskenpflicht, Impfpflicht, Corofluenza (alle 2023), Stigmatisierung (2024))

David Klemperer unter Mitarbeit von Joseph Kuhn und Bernt-Peter Robra
Corona verstehen – evidenzbasiert
Living eBook, Version 80.0, Stand 17.8.2025

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