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Dem „Glücksspiel“ auf der Spur

Buchrezension von Manfred Kindler

Titelbild Kathryn Paige Harden: Die Gen-Lotterie - Wie Gene uns beeinflussen, Hogrefe-Verlag Bern
Kathryn Paige Harden: Die Gen-Lotterie – Wie Gene uns beeinflussen, Hogrefe-Verlag Bern

In ihrem Buch „Die Gen-Lotterie“ untersucht die Sozialpsychologin und prominente Zwillingsforscherin Kathryn Paige Harden als Vertreterin des neu entstandenen Forschungsfeldes der Soziogenomik oder Sozial- und Verhaltensgenomik die Rolle der Genetik im menschlichen Leben. Sie führt mit Blick auf die USA aus, dass der Einfluss der Gene auf unsere Persönlichkeit, unser Verhalten und unseren beruflichen Erfolg größer ist als bisher angenommen. Er lässt sich sogar beobachten in Bezug auf Bildung, Einkommen, Risikoverhalten, politische Einstellung und Sexualität bis hin zum Alkoholismus. Niemand kann diese zufälligen Kombinationen, mit denen er ins Leben tritt, beeinflussen.

Aufräumen mit gefährlichen Vorstellungen

Harden schrieb dieses Buch 2020 mitten in der ersten Corona-Welle und konnte miterleben, wie das Virus seine Opfer unter den Menschen fand, deren Gefährdung am größten war, weil sie vorerkrankt, alt oder schlichtweg arm waren – und damit ungeschützt. Nachdrücklich räumt sie mit gefährlichen Vorstellungen von rassischer Überlegenheit auf und versucht, die falsche Anwendung der Verhaltensgenetik auf Fragen ethnischer Unterschiede zu verhindern. Dabei hätte sie noch anmerken können, dass die genetische Variation innerhalb der Rassen viel größer ist als zwischen den Rassen.

Immerhin stimmt der Genpool der Menschheit zu 99,9 Prozent überein. Soziogenomische Studien verlassen sich dennoch nicht allein auf die Zwillingsforschung, sondern verwenden Genomdaten von großen Kohorten – etwa aus der UK-Biobank –, um die Erblichkeit in Form von sogenannten Polygenic Scores (PGS) von Merkmalsunterschieden zu berechnen. Seit 2005 werden in unzähligen Studien winzige genetische Abweichungen in jedem individuellen Genom auf statistische Zusammenhänge mit Unterschieden in Krankheitsverläufen, Verhaltensweisen oder Eigenschaften hin untersucht.

Auch in Deutschland wird in dieser Richtung geforscht: Das Soziooekonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist eine repräsentative Befragung von 14.000 deutschen Privathaushalten im jährlichen Rhythmus seit 1984. Im Gene-SOEP lag beispielsweise der errechnete statistische Einfluss der PGS auf Unterschiede im Bildungsstand der Probanden bei nur rund neun Prozent.

Forschungsrichtung erntet heftigen Widerspruch

Das Aufkommen der Soziogenomik wird nicht nur in den USA von einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Möglichkeiten und Gefahren begleitet. Dabei erntet diese Forschungsrichtung einen heftigen Widerspruch auch aus anderen Fachgebieten: „Die Antithese ist, dass die Biologie mit der Geburt endet und von da an die Kultur hinzukommt. … Die Menschheit kann sich nicht von ihrer eigenen Biologie loslösen, aber sie ist auch nicht an sie gefesselt“, merkt Hardens Kritiker Kevin Bird an.

Die Autorin beginnt ihr Buch mit einer Einführung in die Grundlagen der Genetik. Sie erklärt, wie Gene unsere körperliche und geistige Entwicklung beeinflussen. Dabei betont sie, dass die Gene nicht allein bestimmen, wer wir sind. Die Umwelt spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Das konkrete Zusammenspiel von Genetik und äußeren Einflüssen untersucht die Wissenschaftlerin am Beispiel der sozialen Ungleichheit. Hier zeigt sie, dass Menschen mit bestimmten Genen häufiger in Armut leben, weniger gebildet und weniger erfolgreich im Beruf sind. Gleichwohl werden diese Unterschiede nicht nur durch die Genetik, sondern auch durch soziale Faktoren verursacht. Anhand des Mauerfalls 1989 stellt Harden deshalb die Frage, wie sich Menschen mit gleichem Genotyp wohl verändern würden, wenn der soziale und historische Kontext schlagartig wechselt. Und was bedeuten Gleichheit und Gerechtigkeit in einer Welt, in der Individuen mit unterschiedlichen Fähigkeiten geboren werden? Letztlich plädiert die Forscherin dafür, genetische Informationen zu nutzen, um die Chancen der Menschen zu verbessern.

Differenziertes Bild der wissenschaftlichen Erkenntnisse

Fazit: Dieses Buch ist ein wichtiger, zuweilen technisch etwas anspruchsvoller Beitrag zur Debatte über die Rolle der Genetik im menschlichen Leben und ermöglicht einen tiefen Einblick in die Soziogenomik. Harden liefert ein differenziertes Bild der wissenschaftlichen Erkenntnisse und warnt davor, die Genetik für politische Zwecke zu missbrauchen. Sie befürwortet ein realistisches Menschenbild ohne hierarchische Bewertungen auf Basis der Genetik. Ihre Forderung, genetische Informationen zur Verbesserung der Chancengleichheit zu nutzen, ist zwar ambitioniert, aber ebenso komplex und nicht immer leicht zu realisieren. Auch ist die wissenschaftliche Herleitung ihrer Feststellungen noch nicht allgemein akzeptiert.

Kathryn Paige Harden
Die Gen-Lotterie – Wie Gene uns beeinflussen
Hogrefe-Verlag Bern, 304 Seiten, 34,95 Euro
ISBN 978-3-456-86242-2

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