Buchrezension von Manfred Kindler


Vom Konvolut bis zum präzisen Streifzug
Die beiden folgenden Publikationen behandeln das gleiche Thema, allerdings im Abstand von fünf Jahren. Da ist zum einen das 2019 erschienene „Deep Medicine – Künstliche Intelligenz in der Medizin“ von Eric Topol, dem weltbekannten US-Kardiologen, der mit über 1.100 Veröffentlichungen zu den zehn am häufigsten zitierten medizinischen Forschern zählt. Das Buch ist seinerzeit fast zum Standardwerk avanciert, darum sei ihm erneut ein Blick gegönnt. Damals wagte Topol sich an ein großes Versprechen: Künstliche Intelligenz soll die medizinische Versorgung nicht nur effizienter, sondern vor allem menschlicher machen, ein Faktum, das im heutigen Gesundheitswesen leider oft verloren geht.
Effizienter aber auch menschlicher
Topol beschreibt eindrücklich, wie überlastet Ärzte und Pflegekräfte sind und wie sehr die persönliche Beziehung zu den Patienten darunter leidet. KI, so seine zentrale These aus einer optimistischen, aber nicht naiven Sicht, könne genau hier ansetzen: Routineaufgaben übernehmen, Daten schneller auswerten und medizinisches Personal entlasten – damit wieder mehr Zeit für das Wesentliche bleibt, nämlich den Menschen.
Inhaltlich bietet „Deep Medicine“ eine breite Palette an Aspekten. Topol erklärt, wie Spracherkennung Arztgespräche dokumentieren kann, wie Deep-Learning-Algorithmen personalisierte Therapien ermöglichen oder virtuelle Assistenten bei Prävention und Lebensstil-Coaching helfen könnten. Ergänzt wird dies durch zahlreiche Studien, überraschende Fakten aus Ernährungswissenschaft und Pharmaforschung sowie fiktive Dialoge, die einen Blick auf mögliche medizinische Assistenzsysteme der Zukunft werfen. Bei alldem betont der Autor, dass Künstliche Intelligenz Empathie nicht ersetzen kann – und auch nicht soll. Stattdessen sieht er sie als Werkzeug, das ärztliche Arbeit unterstützt, aber nicht bedroht. Auch Risiken wie Datenschutz, Bias in Algorithmen oder gesellschaftliche Auswirkungen werden thematisiert.
Schwäche: Fehlende Struktur
Allerdings hat das Buch eine große Schwäche, und das ist seine Struktur. Vor allem das erste Drittel wirkt unübersichtlich und stellenweise chaotisch. Medizinische Anekdoten, allgemeine KI-Ethik, Systemkritik am US-Gesundheitswesen, Beispiele aus völlig anderen Bereichen wie selbstfahrende Autos oder Rechtsprechung bilden das Sammelsurium – ein roter Faden oder präzise Kernthesen jedoch fehlen weitgehend. Das macht den Einstieg mühsam und erfordert Geduld. Erst im weiteren Verlauf geht Topol konkreter auf KI-Anwendungen in einzelnen medizinischen Disziplinen wie Radiologie, Dermatologie oder Pathologie ein. Diese Passagen sind informativ, anschaulich und gut nachvollziehbar formuliert. Leider hält diese Klarheit nicht durchgehend an: Schon bald verliert sich das Buch erneut in einer Mischung aus Ethik, volkswirtschaftlichen Daten, Firmenaufzählungen und Zukunftsideen, die oft nur angerissen werden. Die KI-Ansätze bleiben häufig oberflächlich und konkrete technische Erklärungen oder detaillierte Fallbeispiele sind rar.
Fazit: Deep Medicine ist eine engagierte, fleißige und in Teilen inspirierende Bestandsaufnahme zur Rolle von KI in der Medizin. Ein Buch mit spannenden Details, das auch heute seine Relevanz nicht verloren hat – auch wenn es die Klarheit und Stringenz, die das komplexe Thema verdient hätte, auf einigen Strecken vermissen lässt.
Gespür für Praxisbezug
2024 erschien das Taschenbuch „Dr. KI – Die Zukunft der Medizin?“ von Michelle Gresbek, einer jungen Autorin für digitale Gesundheit aus Berlin. Sie nimmt die Leser mit auf eine kurze, aber verständliche und zugleich nachdenkliche Reise durch das Spektrum der Möglichkeiten und Grenzen von KI im Gesundheitswesen. Am Beispiel von ChatGPT und zwölf weiteren KI-Entwicklungen wird klar: Mit enormer Geschwindigkeit verändert diese Technologie unser Denken, Arbeiten und Entscheiden – und damit auch die Medizin.
Gresbek schafft es, dieses große Thema in Form eines kurzen Streifzugs greifbar zu machen. Sie erfasst das Wesentliche, ohne dabei in technische Details abzudriften. Mit Gespür für den Praxisbezug beschreibt die ausgebildete Medizinische Fachangestellte verschiedene Einsatzmöglichkeiten der KI. Ob schnellere Diagnosen, individuellere Therapien oder die Unterstützung von Ärzten im Klinikalltag – die Chancen sind enorm. Trotz dieser Erkenntnis bleibt das Buch angenehm bodenständig. Es wird deutlich gemacht, dass Künstliche Intelligenz kein Ersatz für menschliche Expertise ist, sondern ein Werkzeug, das nach einem sinnvollen Einsatz verlangt.
Risiken offen angesprochen
Ein Pluspunkt der Darstellung ist die kritische Haltung, die auch Risiken nicht verschweigt: Ethische Fragen, Verantwortung, mögliche Fehlentscheidungen oder der Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten werden offen angesprochen. Gerade diese Ausgewogenheit macht die Publikation glaubwürdig und regt zum Weiterdenken an. Man merkt, dass hier nicht nur die Technik fasziniert, sondern auch die Verantwortung gegenüber den Patienten ernst genommen wird. Der Schreibstil der Autorin ist klar, persönlich und gut verständlich. Aufgrund ihrer fachjournalistischen Kompetenz braucht der Leser weder medizinisches noch technisches Fachwissen, um dem Inhalt folgen zu können. Somit richtet sich das Buch als Einführung nicht nur an Fachkräfte im Gesundheitswesen, sondern an alle, die neugierig auf die Zukunft der Medizin sind.
Eric Topol
Deep Medicine: Künstliche Intelligenz in der Medizin. Wie KI das Gesundheitswesen menschlicher macht
mitp 2019
Michelle Gresbek
Dr. KI – Die Zukunft der Medizin?
Independently published, 2024


